Wo bleibt eigentlich der radioaktive Müll?


Gelagertes radioaktives Material in der Landessammelstelle in Jülich

Gelagertes radioaktives Material in der Landessammelstelle in Jülich


Der Ausstieg aus der Atomenergie ist beschlossene Sache. Atommeiler werden abgeschaltet und zurückgebaut. Und jeder denkt: Wo bleibt eigentlich der radioaktive Müll? Die Frage ist berechtigt, da wir beim Begriff „radioaktive Abfälle“ automatisch an Kernkraftwerke denken und uns die Bilder der furchtbaren Reaktorkatastrophe von Fukushima in Erinnerung gerufen werden. Es gibt aber nicht nur hochradioaktive Abfälle aus Reaktoren, sondern auch schwach- und mittelradioaktive Abfälle, die sicher entsorgt werden müssen. Diese stammen aus Bereichen, an die wir nicht unbedingt sofort denken.

Radioaktive Stoffe werden seit vielen Jahren in Medizin, Forschung und Technik eingesetzt. Technische, auch industrielle und wissenschaftliche Anwendungen, in denen die Radioaktivität von Stoffen genutzt wird, sind z.B. die Altersbestimmung von Objekten, Materialprüfungen und Füllstandsmessungen. So werden etwa in der Archäologie Messungen der Konzentration radioaktiver Isotope zur Altersbestimmung verwendet. Etwas bekannter ist die Methode der Radiokohlenstoffdatierung (Radiokarbonmethode). Bei Materialprüfungen wird Gammastrahlung genutzt, um Stoffe zu durchdringen. Über einen Sensor (Zähleinrichtung) kann so die Schwächung des Strahls ermittelt und z.B. die Dicke von Papier oder Blech bestimmt werden. Bei Durchstrahlungen zur Qualitätskontrolle, etwa von Schweißnähten bei metallischen Verbindungen, wird die Gammastrahlung auf einen Röntgenfilm gelenkt und erzeugt dort ein verwertbares Bild. Radiometrische Füllstandsmessungen in Großbehältern mit Flüssigkeiten oder Schüttgütern werden mit Gamma-Durchstrahlung von einer zur anderen Behälterwand ausgeführt. Weitere Anwendungen sind die Elementanalyse durch die Gammaspektroskopie und verschiedene Messungen in der chemischen Analytik. In Schulen werden schwachradioaktive Präparate zur Demonstration radioaktiver Eigenschaften im Physik- und Chemieunterricht eingesetzt.

Wichtige Anwendungen in der Medizin sind der Einsatz meist kurzlebiger radioaktiver Stoffe in der Diagnostik und Therapie. Die Anwendung kann dabei „am Menschen“ oder „im Reagenzglas“ erfolgen. Mit radioaktiven Jodpräparaten werden beispielsweise Schilddrüsenerkrankungen stationär am Menschen behandelt. Alles womit diese Patienten in Berührung kommen – vom Bettzeug, Kleidung bis hin zu den ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten – ist als radioaktiv kontaminiert einzustufen und muss sicher entsorgt werden.

Und hier kommen wir ins Spiel. Wir sind die Entsorger für schwach- und mittelradioaktive Stoffe. Wir lassen diese landesweit sammeln und lagern sie bis zur endgültigen Entsorgung in einem sicheren Zwischenlager: der Landessammelstelle NRW. Die Landessammelstelle ist eine Einrichtung, die alle radioaktiven Abfälle aus dem Umgang mit sonstigen radioaktiven Stoffen entgegennimmt. Die gesetzlichen Regelungen dazu finden sich im Atomgesetz und in der Strahlenschutzverordnung. Danach sind die Länder verpflichtet, Landessammelstellen für die Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle einzurichten. In Nordrhein-Westfalen wird die Landessammelstelle von uns auf dem Gelände der „Forschungszentrum Jülich GmbH“ betrieben.

Unsere maßgeblichen Kunden sind Institute der Universitäten und andere Einrichtungen aus den Bereichen Wissenschaft und Forschung, Krankenhäuser und Schulen. Manchmal werden wir aber auch als „Spezialisten“ zu Soforteinsätzen gerufen. Das geschieht z.B., wenn unerwartet Abfälle aufgefunden werden, die im Verdacht stehen, radioaktiv belastet zu sein. Solche Meldungen kommen beispielsweise von Schrottplätzen.

Insgesamt steuern die 16 Landessammelstellen der Bundesländer etwa 4% des gesamten radioaktiven Abfalls der Bundesrepublik bei. Dabei handelt es sich nicht um hochradioaktive Stoffe aus der Kernenergie, sondern ausschließlich um schwach- bis mittelradioaktive Abfälle.

Sicherheit wird bei unserer Landessammelstelle groß geschrieben. Wer das Gelände der Sammelstelle besuchen möchte, muss angemeldet sein, sich ausweisen und wird für die Dauer des Aufenthalts registriert. Besucher, die die Betriebsräume der Landessammelstelle betreten, werden am Eingang mit Dosimetern, das sind Messgeräte zur Messung der Strahlendosis, ausgestattet. Der Zugang darf nur in Begleitung verantwortlichen Personals erfolgen. Vor und nach jedem Zugang zum Kontrollbereich muss jeder Besucher auf eine Art Prüfstand. An einem sogenannten Hand-Fuß-Kontaminationsmonitor wird zuverlässig eventuelle radioaktive Kontamination gemessen. Für den seltenen Fall der Kontamination sind strenge Regeln zu deren Beseitigung festgelegt.

Damit die radioaktiven Abfälle sicher vom Erzeuger zur Landessammelstelle gelangen, unterhalten wir einen eigenen Fahrdienst. Unser „Sammeltaxi“ ist zwei bis drei Mal pro Woche unterwegs, um die Abfälle abzuholen. Vor Ort werden die Behälter gesichtet, erste Messungen durchgeführt und die Angaben der Erzeuger überprüft. Weil unterschiedliche Abfälle auch unterschiedliche Verpackungen erfordern, müssen die Erzeuger Abfallbehälter der Landessammelstelle verwenden. Von der Sammel-Tour zurück, werden die Lieferungen abgeladen, bei einer Eingangskontrolle gemessen, ausgewogen und erneut mit der Anmeldung verglichen. Sobald alle notwendigen Daten vorliegen, werden die Abfälle nach Abfallart sortiert und eingelagert. Bei diesen Abfällen spricht man von Rohabfällen.

Beim Rohabfall unterscheiden wir insgesamt sieben Sorten. In der Hauptsache handelt es sich um Unterscheidungen in feste und flüssige, brennbare und nicht brennbare Materialien. Der Grund dafür liegt in der weiteren Bearbeitung und Lagerung dieser Abfälle.

Gesetzlich vorgegebenes Ziel ist die Endlagerung der Abfälle in einer Anlage des Bundes. Bevor radioaktiver Abfall endgelagert werden kann, durchläuft er eine spezielle Behandlung und wird anschließend verpackt. Diese Behandlung und/ oder Verpackung des radioaktiven Materials nennt man Konditionierung. Eine wichtige Aufgabe der Landessammelstelle besteht darin, die richtige Konditionierung der Rohabfälle festzulegen und durchführen zu lassen. Rund 55 Kubikmeter Rohabfall fallen in der Landessammelstelle pro Jahr an. Unabhängig von den tatsächlich anfallenden Gebinden entspricht das umgerechnet einer Menge von etwa 275 Fässern mit einem Volumen von je 200 l Inhalt. Ein Ziel der Konditionierung ist die Volumenreduzierung der Rohabfälle. Dabei wird berücksichtigt, dass die entstehenden Endlagerabfälle den Bedingungen eines Endlagers entsprechen.

In der Praxis kann man sich das so vorstellen: Wenn sich z. B. von der Abfallsorte “fest, brennbar“ eine Charge von 50 Fässern angesammelt hat, wird diese in einer speziell dafür genehmigten Verbrennungsanlage angemeldet. In der Regel geschieht das direkt bei unseren Nachbarn: in einer Anlage des Forschungszentrums Jülich werden die Abfälle nach dem vorgeschriebenen Anmeldeverfahren verbrannt. Von dem Abfall aus 50 Fässern bleibt nur noch die Asche zurück. Aus 50 Fässern werden so ca. 2 Fässer, je nach Verbrennungsgewicht des Rohabfalls. Weitere Konditionierungsverfahren sind z.B. das Eindampfen von Flüssigkeiten oder das Hochdruckverpressen von nicht brennbaren Materialien in speziellen Anlagen. Einen Sonderfall der Konditionierung stellt die Wiederverwertung sogenannter Quellen dar. Radioaktive Quellen in der Medizin und Technik bestehen in der Regel aus verschweißten Edelstahlkapseln, in denen sich die radioaktiven Substanzen befinden. Die Abmessungen der Kapseln betragen nur einige Millimeter und die radioaktiven Inhalte wiegen meist weniger als 1 Gramm. Ist die Nutzung einer Quelle aus mechanischen Gründen nach etwa zehn Jahren beendet, werden in geeigneten Manipulatoren aus “alten“ Quellen “neue“ hergestellt. Dabei wird die radioaktive Substanz aus der alten Kapsel herausgelöst und in der gewünschten Aktivität in eine neue eingeschweißt. Das Verfahren lässt sich natürlich nur bei Radionukliden mit ausreichend langen Halbwertzeiten anwenden. Aus den gedachten jährlich 275 Fässern mit Rohabfall entstehen in Nordrhein- Westfalen durch die Konditionierung etwa 20 Fässer mit Endlagerabfall.

Im Augenblick haben wir etwa 1.500 Fässer als Endlagerabfall eingelagert. Genehmigt ist die Lagerung von maximal 9.000 Fässern zu je 200 l. Die Lagerung der Endlagerfässer in der Landessammelstelle ist befristet, denn das Ziel der Zwischenlagerung ist ja die Abgabe an ein Endlager des Bundes. Zurzeit wird das ehemalige Eisenerzbergwerk Konrad bei Salzgitter zum Endlager für schwachund mittelradioaktive Abfälle ausgebaut. Mit der Einlagerung der Abfälle ist frühestens ab dem Jahr 2019 zu rechnen.

Aus der Zwischenlagerung der Endlagerfässer ergeben sich weitere Aufgaben für die Landessammelstelle. Durch Verzögerungen bei der Abgabe an vorhandene Endlager sind Fässer aus den 1970er und 1980er Jahren im Bestand der Landessammelstelle. Das betrifft die Mehrzahl der eingelagerten Fässer, bei denen die Konditionierungsstandards künftiger Endlager nicht berücksichtigt werden konnten. Zur sicheren Lagerung dieser Fässer gehören daher regelmäßige Überprüfungen durch unsere Fachleute. Ein Ergebnis dieser Prüfungen ist die Nachkonditionierung und teilweise Umverpackung von Fässern. Die Dokumentationen älterer Abfälle, an die aus heutiger Sicht neuere Anforderungen gestellt werden, müssen in zum Teil aufwendigen Verfahren ergänzt werden. Diese nachträglichen Qualifizierungen erstrecken sich unter Gutachterbegleitung oft über mehrere Jahre und sind sehr teuer.

Um kostendeckend zu arbeiten, erheben wir für unsere Leistungen entsprechende Gebühren. Die jährlichen Einnahmen und Ausgaben bewegen sich in der Größenordnung von etwas über 1 Million €.