Interview mit Nora Schaefers: Gleichstellungsbeauftragte bei der Bezirksregierung Köln
Nora Schaefers teilt sich in der Bezirksregierung Köln die Position der Gleichstellungsbeauftragten mit Judith Bleister. Im Interview erzählt sie von dieser besonderen Zusammenarbeit und ihren weitreichenden Einblicken in die Bezirksregierung.
Wer sind Sie und wie war Ihr Weg in die Bezirksregierung Köln?
Antwort Nora Schaefers: Mein Name ist Nora Schaefers. Ich arbeite seit fünf Jahren als Gleichstellungsbeauftragte für die Bezirksregierung. Ursprünglich habe ich Sozialarbeit studiert und auch 15 Jahre im sozialen Bereich in unterschiedlichen Positionen bei verschiedenen Arbeitgebern gearbeitet. Berufsbegleitet habe ich außerdem ein BWL-Studium absolviert. Ich hatte viel mit Behörden als Kostenträger zu tun und es hat mich interessiert, wie es auf der anderen Seite des Schreibtisches aussieht. Ich fand es spannend, die Perspektive zu wechseln. Auch wegen des Themas der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Teilzeit habe ich gedacht, es ist eine gute Sache, sich im Bereich des öffentlichen Dienstes zu orientieren.
Angefangen habe ich bei der Bezirksregierung in einer anderen Tätigkeit. Die ersten anderthalb Jahre habe ich als Prüferin im Europäischen Fonds für regionale Entwicklung in Dezernat 34 gearbeitet. Damlas hatte ich meine jetzige Tätigkeit noch nicht im Blick, als Gleichstellungsbeauftragte kann man sich bei der Bezirksregierung Köln nämlich nur intern bewerben. Jetzt bin ich mit vielen rechtlichen Fragestellungen, Verwaltungsabläufen, psychologischen und soziologischen Phänomenen und sozialpolitischen Fragestellungen konfrontiert. Ich profitiere in meiner Arbeit von sehr vielen Inhalten aus dem Studium, sowohl aus dem BWL- als auch aus dem Sozialarbeitsstudium. Dabei habe ich einen Überblick bekommen, welche Themen es gibt, und wie ich mich selbstständig in ein Thema einarbeiten kann.
Seit etwas über einem Jahr habe ich außerdem eine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung (HSPV). Es ist gewünscht, dass Personen aus der Praxis an der Hochschule lehren, die auch zum Geschäftsbereich des Innenministeriums gehört. Mein Thema ist Personalmanagement, das ist für beide Seiten eine Bereicherung. Einerseits erfahren die Studierenden Dinge aus der Praxis und ich nehme natürlich auch von dort viele Eindrücke und Informationen über die Wahrnehmung der Studierenden mit und was sie sich von einem Arbeitgeber wünschen.
Welche Aufgaben haben Sie als Gleichstellungsbeauftragte und wie gestalten Sie Ihren Arbeitsalltag?
Antwort Nora Schaefers: Ich teile mir diese Stelle mit meiner Kollegin Judith Bleister. Das gestaltet sich sehr gut. Wir machen im Grunde ein klassisches Jobsharing. Es war eigentlich als eine Stelle vorgesehen und wir kannten uns vorher nicht, aber haben uns beide in Teilzeit auf die Stelle beworben. Jetzt machen wir beide alles. Wir sind beide in allen Themen drin. Das erfordert natürlich eine gewisse Abstimmung, aber das klappt super.
Es ist schon eine spezielle Position, die es in dieser Form im Grunde nur einmal gibt. Das Landesgleichstellungsgesetz (LGG) NRW regelt die Aufgaben der Gleichstellungsbeauftragten und alle Rahmenbedingungen. Wir beraten und unterstützen die Behörde bei der Verwirklichung des Grundrechts der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Konkret bedeutet das, dass wir bei allen personellen und organisatorischen Themen involviert sind und sie durch unsere Gleichstellungsbrille betrachten. Wir sind dabei für die Beschäftigten der Bezirksregierung Köln und auch für den so genannten nachgeordneten Bereich zuständig. Das sind zum Beispiel die schulpsychologischen Beratungsstellen oder die Schulverwaltungsassistenzen an größeren Schulen. Insgesamt sind wir für etwa 2.500 Personen als Gleichstellung zuständig.
So einen richtig klassischen Arbeitstag gibt es nicht. Eine Hauptaufgabe liegt in der Personalbeschaffung. Wir zeichnen alle personellen Maßnahmen mit, das heißt, alles geht über unseren Tisch, beziehungsweise jetzt durch die elektronische Laufmappe digital über unseren Computer. Wir sind ab der Stellenausschreibung involviert und schauen beispielsweise, ob diskriminierungsfrei formuliert wird und Teilzeitmöglichkeiten entsprechend ausgeschrieben sind. Die Sichtung der Bewerbungen nimmt viel Zeit in Anspruch. Gemeinsam mit Dezernat 11, dem Personalrat und dem Fachbereich entscheiden wir, welche Personen eingeladen werden. Und in den Auswahlverfahren sitzen wir schließlich als stimmberechtigtes Mitglied dabei.
Wir führen auch Beratungsgespräche mit Beschäftigten: Da geht es um Schwangerschaft, Elternzeit, Teilzeit, aber auch um Themen wie sexuelle Belästigung. Auch gegenüber der Behördenleitung und den zuständigen Dezernaten haben wir eine Beratungsfunktion. Dafür haben wir hier eine gute Basis für die Zusammenarbeit gebildet.
Darüber hinaus engagieren wir uns viel in Projektgruppen und Gremien und wir organisieren verschiedene, meist jährliche interne Veranstaltungen. Zum Beispiel im November anlässlich des Orange Days oder im März zum internationalen Frauentag. Wir haben mehrfach einen Selbstbehauptungskurs für Frauen angeboten und auch mal ein Mental-Load-Seminar organisiert. Es gab auch schon spezielle Angebote für Männer in Form von Vorträgen über Teilzeit und Elternzeit und wir haben den Eltern-Kind-Bürotag eingeführt, der bisher zweimal erfolgreich durchgeführt wurde. Wir sehen es als gemeinsame Aufgabe von Frauen und Männern, Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu leben und haben bei unserer Arbeit alle Geschlechter im Blick.
Wir haben einen Vertreterinnen-Pool aus 14 Kolleginnen, die nicht freigestellt sind, aber uns in den Auswahlverfahren unterstützen. Wenn jemand Interesse an diesem Thema hat, ist es sinnvoll, die Gleichstellungsbeauftragte anzusprechen und zu fragen, ob es eine Möglichkeit gibt, in einen solchen Vertreterinnenpool reinzukommen oder bei anderen Veranstaltungen zu unterstützen.
Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen und was motiviert Sie bei ihrer Arbeit?
Antwort Nora Schaefers: Ich habe immer für gemeinnützige Arbeitgeber gearbeitet. Es ist mir sehr wichtig, etwas mit gesellschaftlichem Mehrwert zu machen. Hier kann ich meine Kenntnisse über gesellschaftliche und psychologische Prozesse einsetzen.
Geschlechtergerechtigkeit ist ein Thema, für das ich schon sehr lange einstehe und seit etwa zehn Jahren auch für das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich habe zum Beispiel meine Diplomarbeit über verschiedene Lebensentwürfe von Frauen geschrieben. Bei meinem vorherigen Arbeitgeber habe ich selbst negative Erfahrungen gemacht, als ich meine Kinder bekommen habe. Aus diesen Gründen finde ich es auch hier sehr sinnvoll und wichtig, dass es die Gleichstellungsbeauftragte gibt. Außerdem habe ich einfach ein sehr großes Interesse und eine Neugierde auf Menschen und ihre Geschichten. Da ist es natürlich besonders schön, in den Auswahlverfahren die vielen verschiedenen Geschichten zu hören.
Auch finde ich hier die Zusammenarbeit mit Judith Bleister sehr spannend und was wir gemeinsam erleben. Manchmal habe ich auch das Gefühl, wer von außen kommt, nimmt durch die gemachten Erfahrungen bewusster wahr, welche Vorteile es hier gibt. Dafür kennt niemand die Behörde so gut wie die, die von Beginn an dabei sind. Judith hat das duale Studium für die gehobene Beamtenlaufbahn gemacht und ist seit 24 Jahren in der Bezirksregierung. Sie kennt die Behörde und ihre Strukturen sehr gut. Das ist sehr bereichernd. Im Gegensatz zu ihr bin ich Quereinsteigerin, habe bei einigen Arbeitgebern gearbeitet und bringe den Blick von außen mit. Unser unterschiedlicher Werdegang macht unseren Austausch und unser Tandem besonders wertvoll.
Welche Herausforderungen erleben Sie bei Ihrer Arbeit und wie gehen Sie damit um?
Antwort Nora Schaefers: Wir haben viele Termine. Es ist manchmal eine organisatorische Herausforderung, alles unter einen Hut zu kriegen. Zumal ich selber das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie habe, weil meine Kinder noch relativ jung sind.
Manchmal sind die Beratungsgespräche herausfordernd. Da geht es um Einzelschicksale, wo Menschen an ihre Grenzen stoßen. Und wir führen natürlich auch mal konfliktreiche Gespräche mit den Dezernaten oder den anderen Gremien, wenn es verschiedene Meinungen zum Beispiel zu Teilzeit oder Telearbeit gibt. Ein Thema, das immer mal wieder kommt, ist die Frauenförderung. Männer äußern ihren Eindruck, dass sie benachteiligt seien. Dabei geht es bei der Frauenförderung gerade darum, Frauen in Bereichen zu stärken, wo es eine faktische Benachteiligung gibt. Gleiche Eignung ist eine Grundvoraussetzung.
Als große Herausforderung erleben wir die aktuelle gesellschaftliche oder gesellschaftspolitische Entwicklung, die uns unmittelbar in unserem Themenbereich betrifft: Antifeministische oder rechte Strömungen, die sogenannte Manosphäre. Die AfD zum Beispiel setzt sich dafür ein, dass es keine Gleichstellungsbeauftragten mehr geben soll. Dazu müssen wir uns in unserer Arbeit positionieren.
Wie erleben Sie die Bezirksregierung als Arbeitgeberin in Bezug auf Arbeitskultur, Vereinbarkeit und Entwicklungsmöglichkeiten?
Antwort Nora Schaefers: Es gibt hier bei der Behörde viele Regeln und Gesetze, alle sind darauf geschult, sich daran zu halten. Das hat vielleicht von außen betrachtet manchmal einen eher negativen Touch. Für mich als einzelne Mitarbeiterin stellt es jedoch sicher, dass man mit mir gerecht umgeht und ich zum Beispiel nicht von den Entscheidungen oder Meinungen eines einzelnen Geschäftsführers abhängig bin. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit. Es gibt hier einfach ein gutes Bewusstsein dafür, wie man Rahmenbedingungen gut gestalten kann. Flexible Arbeitszeit wird sehr hochgehalten und Besprechungen werden nicht in Randzeiten, abends oder frühmorgens abgehalten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein sehr wichtiger Aspekt und darüber können wir Fachkräfte gewinnen. In den fünf Jahren, die ich hier als Gleichstellungsbeauftragte arbeite, gab es noch keinen Teilzeitantrag, der abgelehnt wurde.
Viele Kolleg:innen vereint die Identifikation mit dem öffentlichen Auftrag. Das erlebe ich gerade von den Kolleg:innen, die wie ich vorher quasi auf der anderen Seite gearbeitet haben. Sie sagen bewusst: Ich möchte was zurückgeben. Ich möchte was für die Gesellschaft machen, mich fürs Gemeinwohl engagieren. Die sagen: Ich möchte die Behörde von innen kennenlernen und die Möglichkeit wahrnehmen, Einfluss zu nehmen und mitzugestalten.
Ich bin hier total zufrieden, sowohl mit dem Thema, das ich bearbeite, als auch mit den organisatorischen Rahmenbedingungen. Ich kann mir schon vorstellen, zukünftig mehr Verantwortung zu übernehmen, vielleicht auch wieder eine Führungsposition zu übernehmen. Es gibt Möglichkeiten wie den Master- oder Qualifizierungsaufstieg und in manchen Fachbereichen auch andere Zugangsmöglichkeiten. Also ja, ich sehe hier bei der Bezirksregierung durchaus noch Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln oder generell bei der Landesverwaltung. Meine zentralen Themen bleiben auf jeden Fall Gleichstellung, Bildung, Soziales und auch Personal. Das interessiert mich wirklich sehr.