Interview mit Volkan Cevik: Technischer Sachbearbeiter für Abfallstromkontrolle bei der BRK
Volkan Cevik sorgt als Technischer Sachbearbeiter für Abfallstromkontrolle für die Nachvollziehbarkeit von Stoffströmen.
Herr Cevik, wie sind Sie als Biologe mit laufender Promotion zur Abfallstromkontrolle gekommen?
Antwort Volkan Cevik: Ich habe mich bewusst neuorientiert, nachdem ich lange in der Wissenschaft verankert war. Ich habe in Bonn Biologie studiert und dort auch meinen Master gemacht mit Schwerpunkt molekulare Nutzpflanzenwissenschaften. Dann habe ich in Jülich geforscht und begonnen, in Bioinformatik zu promovieren. In der Wissenschaft ist es oft so, dass auslaufende Verträge nicht verlängert werden. Für meine Promotion ist das Vertragsende nicht entscheidend, aktuell schreibe ich zu Feierabend oder am Wochenende daran.
Der Hinweis eines Freundes hat mir den Impuls gegeben, mich näher mit der Bezirksregierung als Arbeitgeberin zu beschäftigen. Struktur, Transparenz und eine gewisse Hierarchie im positiven Sinne haben mein Interesse geweckt. Darin habe ich eine langfristige Perspektive gesehen. Für mich bedeutet eine positive Hierarchie, dass der oder die Vorgesetzte greifbar ist und immer ein offenes Ohr hat. Aber auch, dass über diese:n Vorgesetzten Informationen oder Dienstanweisungen strukturiert von oben nach unten getragen werden. Ich empfinde es hier als sehr strukturiert und koordiniert. Man weiß immer, an wen man sich wenden muss.
Das Thema kam dabei komplett aus dem Blauen heraus. Während meines Studiums hatte ich gar nichts mit Abfällen zu tun. Es sollte niemanden abschrecken, sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen, so lange das Interesse oder eine gewisse Affinität da ist. Darum habe ich mich einfach auf die Stelle beworben und bin nun seit Mitte April 2025 hier.
Was ist Abfallstromkontrolle eigentlich und warum ist sie gesellschaftlich relevanter, als die meisten ahnen?
Antwort Volkan Cevik: In der breiten Gesellschaft, zu der ich mich natürlich auch zähle, ist man sich nicht bewusst, wie viel Abfall entsteht und wo er überall entsteht. Ein banales Beispiel ist Bodenaushub, der auch zu Abfall werden kann. Wir haben immer den Hausmüll vor Augen, der ist aber bei meiner Arbeit weniger relevant. In der Abfallstromkontrolle schauen wir uns die größeren Stoffströme an: Wo kommen die Stoffe her? Wie werden sie transportiert? Wo gehen sie hin? Es ist für einen Laien erstaunlich, wie viele Abfälle in der Industrie entstehen. Dass sich jemand eines Stoffes entledigen möchte, ist quasi die zentrale Eigenschaft von Abfall. Sobald ein Betrieb einen Stoff loswerden muss oder möchte, sind abfallrechtliche Unterlagen nötig. Es geht weniger darum, einzelne Akteure zu kontrollieren, als gleiche Regeln für alle durchzusetzen. Die ganze Struktur, die Abläufe und auch die Gesetzgebung laufen so kontrolliert ab, dass sie die Bevölkerung gar nicht groß tangieren. Dass das nicht so bekannt ist, sehe ich als Zeichen dafür, dass alles gut läuft.
Das hört sich jetzt kitschig und klischeehaft an, aber am Ende des Tages machen wir unsere Arbeit, um die Umwelt sowie die Bevölkerung zu schützen – auch wenn diese Prozesse im Alltag oft nicht sichtbar sind.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag konkret aus und was macht ihn so abwechslungsreich?
Antwort Volkan Cevik: Einen typischen Tag gibt es eigentlich nicht. Die Haupttätigkeit ist das Sichten von Unterlagen: Wir prüfen stoffstromrelevante Papiere, die Transporte, Entsorgungswege oder Nachweise betreffen und erstellen Stellungnahmen. Dann fahren wir regelmäßig zu Betrieben und führen Vor-Ort-Kontrollen durch. An einem Tag ein Wertstoffhof, am nächsten ein großer Industriebetrieb. Wir führen außerdem Transportkontrollen zusammen mit der Polizei, dem Zoll und dem Bundesamt für Logistik und Mobilität durch. Die Tätigkeit hier macht mir wirklich Spaß. Jeden Tag. Ich werde auch nicht müde, das den älteren Kolleg:innen zu sagen. Es ist einfach unfassbar vielseitig. Gestern zum Beispiel habe ich einen Anruf vom Zollamt bekommen für eine Altreifenbeschau. Da ist die Frage: Handelt es sich um Altreifen oder um Abfall? Da fahre ich gleich hin und werde mir anschauen: Wie sind die Reifen gelagert? Sind die ineinandergesteckt? Wie viele Reifen sind ineinandergesteckt? Wie ist die Profiltiefe? Wann wurden die Reifen hergestellt? Sind die nach deutschen Standards überhaupt noch als Pkw-Reifen nutzbar? All das spielt mit in die Beurteilung, ob es sich um Abfall handelt oder nicht.
Meine Arbeit ist ein bisschen wie Detektivarbeit: Sie erfordert eine analytische Herangehensweise. Man muss Informationen zusammenführen und sich durch gezielte Kommunikation ein vollständiges Bild machen. Sich in Betrieben mit den Betreibern zu unterhalten und sich erklären zu lassen, wie der Betrieb funktioniert, wie die Stoffströme entstehen, das ist einfach super interessant.
Mit wem arbeiten Sie zusammen und wie ist das Ganze organisatorisch aufgebaut?
Antwort Volkan Cevik: In der Abfallstromkontrolle hat jeder von uns sein eigenes Überwachungsgebiet. In meinem Fall ist das die Stadt Köln. Man behält sein Gebiet für ein paar Jahre und dann wird irgendwann getauscht. In der Überwachung sind wir insgesamt sieben Mitarbeitende. Mittwochs ist immer unser Teamtag, da sind wir alle vor Ort und unser hauptfachlicher Austausch findet statt. Der Teamtag ist ideal, um sich über Themen auszutauschen, die vielleicht ein bisschen komplizierter und schwieriger sind. Da erhält man wertvollen Input von allen Seiten. Unser Schwesterteam, die Abfallstromkontrolle Genehmigung, besteht aus vier sehr erfahrenen Mitarbeitenden. Die sind mittwochs ebenfalls dabei und kümmern sich primär um zum Beispiel Genehmigungen von internationalen Abfalltransporten. Man kann hier an jede Tür klopfen, wenn man zum Beispiel Fragen zu einer Anlage hat. Man trifft immer auf ein offenes Ohr.
Die Abfallstromkontrolle ist Teil des Dezernates 52 „Kreislaufwirtschaft, Bodenschutz, anlagenbezogener Umweltschutz“. Dazu gehören auch die Teams Anlagenüberwachung und -genehmigung, Bodenschutz und Deponie. Wir arbeiten regelmäßig zusammen in einem sehr konstruktiven, kollegialen Austausch und führen zum Beispiel gemeinsam Kontrollen durch. Die Anlagenüberwacher:innen schauen sich die Anlagen hinsichtlich der immissionsschutzrelevanten Themen an und wir die abfallrechtlich relevanten Sachen. Dann gibt es weitere Dezernate, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten, zum Beispiel die Wasserwirtschaft, das Dezernat 54. Bei großen Umweltinspektionen führen wir von der Abfallstromkontrolle zusammen mit den Anlagenüberwacher:innen und den Kolleg:innen vom Wasser Kontrollen durch. Dann arbeitet an einem gemeinsamen Termin jede:r seine oder ihre Punkte ab.
Was braucht man für diesen Beruf und was erwartet einen, wenn man anfängt?
Antwort Volkan Cevik: Für meine Tätigkeit ist ein Bachelorstudium Zugangsvoraussetzung und Erfahrungen in der Abfallwirtschaft sind wünschenswert. Nichtsdestotrotz hat man auch als Quereinsteiger die Möglichkeit hier anzufangen. Meine Einarbeitung durch ein Mentoren-Team war extrem gut. Da muss ich für mein Team und für das ganze Dezernat eine Lanze brechen. Man wird an Aufgaben herangeführt, aber ab einem gewissen Punkt auch losgelassen, damit man eigene Erfahrungen macht, seinen eigenen Stil entwickelt und auf eigenen Füßen steht. Ich habe das als einen sehr schönen Spagat erlebt.
Bei meiner Tätigkeit hilft chemisches Hintergrundwissen auf jeden Fall. Gerade um die Gefährlichkeit von Abfällen einzuschätzen: Warum sind es gefährliche Abfälle? Was ist das für ein Stoff? Was macht der Stoff überhaupt? Wo kommt der Stoff her? Bei welchen Reaktionen entsteht der Stoff? Ein ganz großes Thema sind aktuell zum Beispiel Brände von entsorgten Lithium-Akkus. Diese Brandabfälle haben eine ganz eigene Problematik, durch die Stoffe, die da drin sind und beim Brand entstehen. Chemisches Hintergrundwissen hilft zu verstehen: Warum ist das so? Nach welchen Stoffen fragt man? Welche Analysen sollen in Auftrag gegeben werden? Und auf welche Werte schaut man in diesen Analysen?
Bis heute kann man zu jeder Zeit bei Unsicherheiten nachfragen. Nachzufragen wird hier nicht als Schwäche gesehen, sondern als ganz wichtige Eigenschaft – nicht nur im Team, im gesamten Dezernat. Ich fühle mich hier sehr wohl und möchte mich weiter in das Fachgebiet einarbeiten und mich weiterentwickeln. Ich glaube, da ist noch sehr viel Luft nach oben. Das merke ich gerade, wenn ich die erfahreneren Kolleg:innen anschaue und sehe, wie viel Wissen sie über Jahre angehäuft haben und mit was für Fällen sie sich auseinandersetzen mussten.