Interview mit Guido Petters-Schmidt: Sachbearbeiter für Asylbewerberleistungen und Widerspruchsverfahren
Guido Petters-Schmidt blickt auf einen langen und vielseitigen Berufsweg im öffentlichen Dienst zurück. Mit Haltung und Rückgrat lasse sich in der Verwaltung viel bewegen, sagt der Regierungsamtmann.
Herr Petters-Schmidt, wie sind Sie in den öffentlichen Dienst gekommen und welche Stationen haben Ihren beruflichen Weg geprägt?
Antwort von Guido Petters-Schmidt: Ich komme aus einer anderen Zeit. Damals gab es nur wenige Stellen und es war total schwierig, beruflich unterzukommen. Ich habe also bei meiner Heimatstadt eine Ausbildung im mittleren Dienst gemacht. Anschließend habe ich als Springer im Rathaus viele wertvolle Erfahrungen gesammelt. Ich habe damals schon gemerkt, dass mir der soziale Bereich am meisten liegt. Mit Haushalt konnte ich noch nichts anfangen. Heute sehe ich das schon anders, denn hinter jeder Zahl steckt auch eine Geschichte.
Ich habe dann im Bereich Gewerbesteuer und Grundbesitzangaben gearbeitet und war irgendwann an dem Punkt: Da kommt ein Problem XY, ich ziehe die Schublade auf und weiß, wie ich das zu bearbeiten habe. Es war nichts mehr interessant. Nichts mehr, was mich herausgefordert hat. Darum habe ich gesagt, ich gehe und wechsle auch den Arbeitgeber.
Ich bin dann ins örtliche Sozialamt gegangen. Man war so eine Art Zehnkämpfer und das war das Interessante daran, man musste sehr vielseitig sein. Ich habe viel gelernt. Dann habe ich mitbekommen, dass in einer anderen Kommune händeringend jemand gesucht wurde. Der Hauptamtsleiter sagte sinngemäß: Wir haben die Kiste vor die Wand gefahren und suchen jemanden, der das Schiff wieder flott macht. Diese Herausforderung hat mich gereizt. Ich habe jedem das Gefühl gegeben, der wird als Mensch berücksichtigt und nicht als Nummer. Ich habe das Schiff wieder flott gemacht. Da habe ich berufsbegleitend den Aufstieg in den gehobenen Dienst gemacht. Das war eine stressige Zeit, aber es hat sich gelohnt.
Danach bin ich über weitere spannende Stationen gegangen: Obdachlosenhilfe beim Landschaftsverband Rheinland, acht Jahre im Integrationsamt. Immer auf der Suche nach dem nächsten weißen Blatt Papier. Ursprünglich wollte ich ins Ministerium, aber dann las ich eine Ausschreibung der Bezirksregierung. Erst dachte ich, das klingt ein bisschen staubig. Und dann habe ich mich damit beschäftigt und merkte: Wow, was für ein bunter Blumenstrauß an Aufgabenfeldern! Also bin ich eine halbe Stunde früher zum Vorstellungsgespräch gereist, um mal durchs Gebäude zu gehen und undercover zu gucken: Wie sind die Leute da überhaupt drauf? Und das fand ich total cool.
Am Ende riefen sie an und sagten: Wir haben keine konkrete Aufgabe für Sie, aber Sie können sich eine aussuchen. Wir möchten Sie gerne haben. Ich habe dem Ministerium abgesagt und zugestimmt. Das war die richtige Entscheidung.
Sie arbeiten im Dezernat 20, das ist für viele ein unbekannter Bereich. Was macht die Bezirksregierung Köln hier und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Antwort von Guido Petters-Schmidt: Das Dezernat 20 ist zuständig für die Unterbringung und Betreuung von geflüchteten Menschen, solange sie noch in den Landesaufnahmeeinrichtungen sind. Wir versorgen die Menschen mit dem, was ihnen zusteht. Die Zuständigkeit endet dann, wenn sie kommunal zugewiesen werden.
So eine Landesaufnahmeeinrichtung ist schon ein besonderes Konstrukt. Ich muss das immer wieder erklären. Wenn ein geflüchteter Mensch in Deutschland Asyl sucht, führt sein Weg über die Aufnahmesysteme der Länder. In NRW ist der erste Anlaufort für alle Geflüchteten die Landesaufnahmeeinrichtung (LEA) in Bochum. Dort erfolgt die erstmalige Registrierung. Dann werden die Menschen nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer und ihre Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE) verteilt. Der Schlüssel setzt sich zusammen aus der Einwohnerstärke und der Finanzkraft des jeweiligen Bundeslandes. Wir in NRW müssen ungefähr 21 % aufnehmen. In der Erstaufnahmeeinrichtung werden sie gesundheitlich untersucht und dort erfolgt auch erstmalig der Zugang zum BAMF, wo sie ihren Asylantrag stellen können.
Meistens halten die Menschen sich so zwei, drei, vier Wochen in der EAE auf. Dann werden sie weiterverteilt in die zentralen Unterbringungseinrichtungen (ZUE) des Landes. Dort bleiben sie länger, hier im Rheinland im Moment so bis zu zwei Jahre, Familien bis zu sechs Monate. Hier reift oft der Wunsch, auch zu arbeiten. Ich bin ein großer Freund davon, dass die Menschen arbeiten. Wir begleiten die Verfahren zur Erlaubnis von Beschäftigungen und betreuen mittlerweile weit über 500 Arbeitsverhältnisse.
Mein Bereich ist der des Rechts. Ich bin zuständig für Widersprüche und Klagen und vertrete die Bezirksregierung auch vor den Sozialgerichten. Ich bin aber kein Jurist, sondern Verwaltungsbeamter. Ich habe aus meiner 45-jährigen Berufstätigkeit so viel Know-how angesammelt, dass ich diesen Bereich abdecken kann. Bei mir ploppen alle Fragestellungen auf, die wir vorher noch nicht hatten. Dann versuche ich, die zu analysieren und gieße sie in eine Form, so dass wir die dann auch bearbeiten können.
Ich habe hier verschiedene Systeme aufgebaut. Für den Bereich der Beschäftigungserlaubnisse habe ich einen sehr kleingliedrigen Ablaufplan geschrieben, das setzen jetzt meine zwei Kolleginnen um, mit denen ich das Team AsylbLG (Asylbewerberleitungsgesetz) bilde. Sie sagen, sie sind froh, dass ich in der Hinterhand bin. Dann haben wir noch eine Volljuristin. Wir ergänzen uns gut. Wir vertreten uns gegenseitig und nehmen zum Beispiel die Termine bei den Sozialgerichten zusammen wahr.
Wenn ich morgens komme, schmeiße ich den Hobel an, fahr den Computer hoch, koche mir einen Tee und dann gehe ich erst mal rum: Guten Morgen, wie ist es denn? Wie fühlt ihr euch? Das mache ich im gesamten Dezernat 20, auch mit den Dezernenten. Dadurch kriege ich viel Stimmung mit.
Mir kommt es darauf an, Lösungen aufzuzeigen und zu beraten, auch mal Konflikte zu lösen. Ich habe auch einen super guten Draht zum Ministerium aufgebaut. Letztendlich trifft zwar das Ministerium die Entscheidungen, aber trotzdem reden wir auf Augenhöhe miteinander. Und ich persönlich meine, dass das unser Dezernat gut nach vorn gebracht hat.
Sie sind kein Jurist, wie haben Sie sich diesen hochkomplexen Bereich erschlossen und mit welcher Haltung gehen Sie täglich an Ihre Arbeit?
Antwort von Guido Petters-Schmidt: Ich bin jemand, der sich gerne um neue Dinge kümmert. Wenn neue Fragestellungen aufploppen, will ich wissen: Wie hängt das zusammen? Wie können wir das vernünftig bearbeiten? Das ist für mich das Spannende.
Was für mich damals, als ich hier anfing, ganz neu war, ist der Umgang mit den Gerichten: der Schriftverkehr, die Klageerwiderungen. Wieso drücken die sich denn so kompliziert aus? Das ist eine besondere Sprache, wirklich wie eine Fremdsprache. Daher musste ich mich erst einfinden. Das hat am Anfang eine ganze Zeit gedauert. Wenn man es dann mal drauf hat, ist es nicht schlimm.
Bei dem Job hier kann ich von allen Dingen zehren, die ich bislang gemacht habe. Aus dem Sozialamt die Zehnkämpfer-Mentalität, aus dem Jobcenter das Wissen über Kranken- und Rentenversicherung, aus dem Integrationsamt die betriebswirtschaftliche Denkweise. Wenn man sich irgendwo reinkniet, dann kann man das Klavier spielen.
Ich bin häufig in den Einrichtungen gewesen, habe hospitiert, wollte wissen: Wo sind die Probleme? Wie sieht das da überhaupt aus? Diesen Ansatz gebe ich auch weiter. Ich sage jedem Auszubildenden: Du gehst auch mal eine Woche rein, damit du weißt, wovon wir reden. Und nicht nur schriftlich arbeiten, auch zum Telefonhörer greifen! Weil da kriegst du Informationen, die du schriftlich nie kriegen würdest. Mein letzter Auszubildender hat das sehr gut verstanden. Darum sagte ich: Du darfst das in Eigenregie machen, und wenn du Fragen hast, diskutieren wir es durch. Das hat mit ihm richtig Spaß gemacht.
Aber all dieses Wissen nützt wenig, wenn man nicht auch den Mut hat, es anzuwenden. Dazu braucht es Haltung und Rückgrat.
Wenn Sie im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit von Haltung und Rückgrat sprechen, was genau meinen Sie damit?
Antwort von Guido Petters-Schmidt: Ich habe eine innere Haltung zu meiner Arbeit. Das halte ich für wichtig. Auf meinen Tisch kommen Probleme und Petitionen. Meistens geht es um Leistungsrecht nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Ich prüfe zum Beispiel: Ist das Leistungsrecht in der Kommune richtig angewandt worden? Ich setze mich mit denen in Verbindung, telefoniere, höre schon raus, was Sache ist, bitte um bestimmte Bescheide. Ich bin da immer für Transparenz. In der Regel geht es über das Ministerium, die bitten mich um eine rechtliche Bewertung und leiten die dann an den Petitionsausschuss weiter. Es macht wenig Sinn, eine Petition oder Beschwerde einfach nur weiterzuleiten und zu sagen, kümmert euch mal drum. Man muss sich damit auseinandersetzen und sagen: Was ist die Königslösung? Ich bin lösungsfähig, bereite vor: den Königsweg, Plan B und Plan C. Dazu muss man die gesamten Sachverhalte verstehen. Man muss den rechtlichen Bereich verstehen. Man muss wissen, wie arbeitet eine Kommune, wie sind die da aufgestellt? Ich versuche im Grunde zu zeigen, welche Handlungsoptionen tragfähig sind.
Ich war letztens bei einem Petitionsausschuss im Landtag – das war total interessant. Wir saßen in einem Raum, alle Beteiligten waren zusammengerufen: die Kommune mit dem stellvertretenden Bürgermeister, der Leiter des Ausländeramtes, zwei Leute von der Bezirksregierung und zwei vom Ministerium. Gemeinsam haben wir den Fall von allen Seiten beleuchtet. Mega interessant. Man diskutiert sachlich miteinander. Wenn beim Petitionsausschuss eine mündliche Warnung stattfindet, gibt es darüber einen Beschluss. Der ist gegenüber den Beschlüssen der Gerichte nicht bindend, aber er kann an die Moral appellieren.
Wenn wir einen Beschluss vom Sozialgericht Köln haben, der ganz klar sagt, was ich geprüft habe, das könnte durchgehen, dann führt kein Weg daran vorbei. Mir ist wichtig rechtlich sauber zu arbeiten. Gibt es einen gerichtlichen Beschluss, folge ich dem. Natürlich merke ich, dass sich die Diskussion rund um das Thema Geflüchtete verändert hat. Unabhängig von gesellschaftlichen Debatten ist für mich aber wichtig, dass Entscheidungen rechtlich fundiert sind. Ich schaue mir an, was der Paragraf hergibt. Und der gibt nicht immer das her, was manche gerne hätten. Man muss dazu die Lebenserfahrung haben. Nur, weil sich die Diskussion verändert, hat sich das Gesetz ja nicht automatisch geändert. Ich weiß nicht, ob ich dieses Rückgrat schon mit 35 gehabt hätte. Wenn jemand noch am Anfang seiner Karriere steht, ist das schwierig.
Nach 45 Jahren im öffentlichen Dienst: Mit welchem Blick gehen Sie und was würden Sie dem System bzw. jungen Kolleg:innen mitgeben?
Antwort von Guido Petters-Schmidt: Wir müssen um junge Menschen und Auszubildende werben. Punkt eins: das Gefühl vermitteln, sie sind wichtig. Punkt zwei: sie dürfen hier selbstständig arbeiten, Außenkontakte haben, eigenständige Entscheidungen treffen. Natürlich immer mit der Rückkopplung: Wenn ihr ein Problem habt, fragt uns! Diese Kombination hat es voll gebracht. Das hat dazu geführt, dass viele zum Schluss gesagt haben, wir möchten gerne im Dezernat 20 arbeiten. Es reicht nämlich nicht, die Auszubildenden da hinzusetzen und zu sagen, hier hast du was und guck mal nach. Nein, ihr müsst sie einbinden, ihr müsst ihnen zeigen, dass sie wichtig sind. Vor allen Dingen sollen sie ein Gefühl dafür kriegen, wie ist das, wenn sie später als Sachbearbeitende tätig sind: Welchen Verantwortungsbereich habe ich dann? Das haben wir gut hingekriegt.
Jungen Kolleg:innen würde ich sagen: Die Tätigkeit im öffentlichen Dienst ist sauspannend. Es ist wie ein kleiner Betrieb in einem großen Betrieb. In diesem großen Rahmen, der gesetzt ist, kann ich mich frei bewegen, da kann ich mich austoben, kann kreativ arbeiten. Für mich war immer wichtig, dass ich das, was ich mache, machen möchte. Nichts ist so schlimm, wie jeden Morgen mit Bauchschmerzen zur Arbeit zu kommen. Rückblickend betrachtet kann ich sagen: Es war für mich genau die richtige Entscheidung. Ich kann den Weg nur jedem jungen Menschen empfehlen – und dabei immer neugierig zu bleiben.